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‚Wir wissen nicht, was war, 

sondern sehen, was zurück bleibt.‘

Auszug aus der Einführung von Anja Richter – Kuratorin des Museum Gunzenhauser – zur Vernissage der Ausstellung EPILOG  (14. Juni – 9. August 2015, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser):

‚Betrachten wir den Epilog nicht als Ende einer Erzählung, sondern als deren Anfang, als Ausgangspunkt für die Bilder von Nora Mona Bach. Die Nachrede – der Schlusssatz – verweist unweigerlich auf ein Zuvor, etwas bereits Geschehens, früher Existierendes.

Wenn dies nun der Ausgangspunkt ist, man die Geschichte nicht kennt, bleiben Spuren und Indizien für die Rekonstruktion des Vergangenen. Etwas ist vor langer Zeit geschehen, etwas hat sich zugetragen an einem unbestimmten Ort. Überreste, Abdrücke und Zeichen lassen sich finden, die auf ein Ereignis hindeuten, sichtbar oder verwischt sind, überwuchert von der Zeit. Wir wissen nicht, was war, sondern sehen, was zurück bleibt.

In ihren großformatigen Zeichnungen beschreibt Nora Mona Bach Orte, an denen etwas passierte, das sich unserer Kenntnis aber entzieht. Sie topographiert, zeichnet eine räumliche Situation und nähert sich so den Kontexten einer Geschichte an. Es entstehen ausschnitthafte Land-Karten von Gegenden, deren Erzählung vergangen ist und nicht mehr preisgeben werden kann.

Von diesen menschenleeren Landschaften, dem undefinierbarem Land in einer undefinierbaren Zeit, schafft Nora Mona Bach riesige Zeichnungen mit Kohle, einem der ältesten Zeichenmittel und als solches zurückverfolgbar bis in die prähistorische Zeit. Motiv und Instrumentarium erinnern an den „unterirdischen Wald“, an Kohle als Hüterin organischer Natur, deren Ausgangsmaterial hauptsächlich pflanzlichen Ursprungs ist.

So spielen ihre Bilder sowohl durch die Verwendung des Mediums als auch im Dargestellten mit dem Vergessenen, Hinterbliebenen, Überwucherten und Überwachsenen und verweisen auf Veränderung, Transformation, Raum und Zeit und den Kreislauf von Werden und Vergehen. Die Bilder bewegen sich dabei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion:

Gegenstand sind Orte in der Natur: Pflanzen, Gräser und Wasserstrukturen. Als Motive werden sie einerseits verdichtet, andererseits aufgelöst, so dass sie sich von der reinen Darstellung abwenden, in die Abstraktion führen und schließlich über das Natürliche hinaus wachsen.

Der Arbeitsprozess bleibt sichtbar. Das ständige Auftragen von Kohlestaub, Fixieren, aber auch Wegnehmen hat zur Folge, dass sich Tiefen bilden, Lichtreflexe auf der Bildoberfläche entstehen und in den Landschaften ein inneres Leuchten erzeugen, das ein Eintauchen ermöglicht.‘

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‚Die sogenannten Tatorte weisen Spuren

von nicht mehr zu rekonstruierenden Ereignissen auf.‘

Aus dem Begleitkatalog (Teil I – Heu) zur  OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst – Dresden 2014:

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‚Bedrohlich und unbestimmt wirken Nora Mona Bachs großformatige Naturszenarien. Die hier wuchernden Pflanzenstrukturen und Gewässer illustrieren keineswegs idyllische Gartenbilder, sondern scheinen die lauernden Abgründe, die sich ausbreitenden Schatten und zwielichtigen Nebel mehr schlecht als recht verbergen zu können. Die sogenannten Tatorte weisen Spuren von nicht mehr zu rekonstruierenden Ereignissen auf. Nicht direkt ins Bild gesetzt speisen sie sich vielmehr aus einer lauernden Atmosphäre, Bildausschnitten, die ins Leere laufen und über- oder unterbelichtete Erinnerungsfetzen. Die Kraft der formalen Sprache, die Wirkung der Kreide als Material – zugleich plastisch wie ephemer – und nicht zuletzt das Format, das einen Sog zu entwickeln scheint, werden zu Trägern der Bildwirkung.

Bachs Arbeiten changieren durch die Charakteristik der Technik zwischen aggressiven Kontrasten und diffusen Schleiern, Effekt und Auflösung. Tatorte, das sind nach Bach die uns stetig umgebenden Orte, die zufällig mit der Altlast einer Straftat beschmutzt wurden und in ihren Arbeiten immer wieder verbildlicht werden.

Setzten frühere Zeichnungen und Lithographien bereits ausbrennende Häuser und düstere Gestalten, konkrete Motive des Schreckens in Szene, gelingt es der Künstlerin in ihren aktuellen Arbeiten das unterschwellige Geheimnis als verdichtete Atmosphäre zu illustrieren.‘

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